Spin-off: Friedrichs Geheimnis

Freitag, 8. August 2003, 16.08 Uhr

Es roch nach frisch gemähtem Gras der umliegenden Wiesen der Langgasse, die am Rand des Dorfes Wiltingsweiler lag. Die letzten beiden Bauern waren dabei, den spärlichen zweiten Schnitt zu machen, der wegen der anhaltenden Hitze sicher von keinem hohen Ertrag sein würde. Überall auf den Feldern waren die dicken Heuballen in schwarze Folie eingewickelt und zu länglichen pyramidenförmigen Mauern aufgestellt.

Christian kam nach seinem kurzen Freitag wie jeden Tag der Woche nass geschwitzt und müde nach Hause. Diese Hitze war einfach unerträglich. Und es war kein Ende in Sicht.
Als einer der letzten verbeamteten Mitarbeiter der Deutschen Post war Christian seit 1992 Briefzusteller. Die Motivation für seine berufliche Tätigkeit schwankte je nach Wetterlage. Klar, Regen und Sturm waren schlimm – aber diese Hitze im Jahr 2003 war langsam auch kein Spaß mehr. Schon länger beschäftigte er sich damit, seinen sicheren Beamtenstatus aufzugeben und als Schriftsteller zu arbeiten.
Seit seiner frühen Jugend schrieb er Kurzgeschichten und verfasste Gedichte. In den letzten Jahren arbeitete er an einem historischen Liebesroman. Bisher aber ohne Veröffentlichung und ohne, dass jemand davon ernsthaft Kenntnis genommen hatte. Es war für ihn wie eine Befreiung aus den Fesseln des Beamtentums. Sicherlich war sein Job wesentlich abwechslungsreicher als der klassischer Beamter, die von neun bis fünf an einem Schreibtisch saßen und Akten bearbeiteten. Aber nach all den Jahren und den immer gleichen Wegen, langweilte ihn sein Leben zunehmend. Du hast doch alles, was man sich so wünschen kann: Einen sicheren Job, ein festes Gehalt, eine tolle Frau und zwei Kinder. Was willst du mehr? So die Aussage seines alten Schulfreundes und heutigen Nachbarn Herbert, dessen Leben bis dato nicht so geradlinig verlaufen war wie sein eigenes. Herbert Keller war nach einem Arbeitsunfall in der Schreinerei arbeitsunfähig. Die unzähligen Versuche, ein Kind zu bekommen, hatten er und seine Frau mittlerweile ad acta gelegt. Ob es an ihm oder seiner Frau lag, hatten sie nie testen lassen. Zu groß war die Angst, dass einer der beiden die Verantwortung für die kinderlose Ehe trug, mit der beide nicht glücklich wurden.
Natürlich war, im Vergleich zu seinem Freund, sein eigenes Leben makellos. Er schämte sich, innerlich nicht die Zufriedenheit zu fühlen, die er angesichts dessen spüren sollte. Ein Leben wie im Bilderbuch. Ein Leben ohne Schicksalsschläge. Doch das sollte sich im Laufe der folgenden Tage ändern.
Verschwitzt und entkräftet trat er aus der Nachmittagshitze in die angenehme Kühle seines Hauses.
»Hoch die Hände, Wochenende!«, begrüßte ihn sein Sohn Lukas.
Christian brachte kaum mehr als ein Schmunzeln hervor. Für nach außen getragene, überschwängliche Freude fehlte ihm heute einfach der Elan.
»Hallo Großer!«, begrüßte er dennoch freudig seinen ältesten Sohn. Mit seinen elf Jahren war er für Christian in einem perfekten Alter: Sie unternahmen am Wochenende viel gemeinsam, aber Lukas konnte sich auch gut mit sich selbst beschäftigen. Er hatte nicht viele Freunde, zog oft allein durchs Dorf und war dennoch beliebt bei seinen Altersgenossen. Er war einfach manchmal ein Eigenbrötler, der gerne in seiner eigenen Welt lebte und spielte. Und damit erinnerte er Christian auch immer mehr an sich selbst als Kind.
Lukas war sein ganzer Stolz. Der Erstgeborene der ganzen Familie, und das, obwohl Christian neben seinem drei Jahre jüngeren Bruder noch zwei ältere Schwestern hatte. Er war trotz seiner zurückhaltenden Art schon immer etwas früher dran gewesen als andere in seinem Alter. Wobei die Initiative nie wirklich von ihm ausging. Er war weder der Initiator noch der Treiber von Ausflügen, Partys und auch von Beziehungen. Mit 15 Jahren hatte er bei seiner ersten längeren Jugendfreizeit gleich zweimal sein erstes Mal gehabt. Zuerst hatte ihn die drei Jahre ältere Kathrin mit der Idee überfallen, es doch einmal im Gemeinschaftsschlafraum des Jugendlandheimes zwischen vierundzwanzig schlafenden Jugendlichen auszuprobieren. Und eine Woche später durfte er auch Kathrins Freundin Anna seine Qualitäten als junger Mann in der Pubertät beweisen.
Schon wenige Jahre später – da war er mit gerade einmal neunzehn Jahren bereits zwei Jahre mit seiner Frau Jenny zusammen – wurde diese plötzlich schwanger. Nichts Ungewöhnliches in Wiltingsweiler, der kleinen Gemeinde im rheinland-pfälzischen Saartal. Seine Eltern waren damals noch zwei Jahre jünger gewesen, als seine älteste Schwester geboren wurde. Nach der dazwischengeschobenen Hochzeit kam dann 1992 Lukas zur Welt. Unverhofft kommt oft. Das schien Christians selbst auferlegtes Lebensmotto zu sein. Sein Leben lief einfach ohne sein Zutun so vor sich hin und er war glücklich über den kleinen Mann, der fortan sein Leben begleiten sollte.
»Und, wie laufen die Ferien, Großer? Was war heute aufregendes los im Leben des Paläontologen Lukas?«, scherzte er nun etwas entspannter.
»Oh Mann, Papa«, sah dieser seinen Vater entsetzt an. »Das war letzte Woche … Heute bin ich an einem neuen Fall dran. Ich bin mit der Klärung eines möglichen Verbrechens beschäftigt, in das Friedrich verwickelt sein könnte. Ich suche noch nach Beweisen …«
Ahh, jetzt wieder die Detektivnummer, dachte Christian. Friedrich war der verwitwete Bruder von Christians Freund Herbert Keller. Ein echter Sonderling, wie so einige Gestalten in Wiltingsweiler. Seit dessen Frau vor 15 Jahren gestorben war, gab er sich keine Mühe mehr, Kontakte und sich selbst zu pflegen. Er war den ganzen Tag dabei, irgendwelche Dinge zu erledigen, von denen niemand wusste, was er da genau tat. Herbert kam auch nicht mehr an ihn heran. Es gab kaum noch Kontakt unter den Brüdern. Die ersten Jahre nach dem Tod von Friedrichs Frau Gerlinde hatte er ihn zu Geburtstagen und auch zu Weihnachten zum Essen eingeladen. Aber er kam nie. Er wirkte nicht deprimiert, grüßte auch kurz aber freundlich die Menschen aus dem Dorf. Kontakt mied er aber konsequent. Und irgendwann blieben dann auch die Einladungen aus …
»Okay, dann bin ich mal gespannt, was wir ihm nachweisen können. Ich geh mal duschen …«
Lukas rollte die Augen. Wenn sein Vater so belustigt sprach und ihn nicht ernst nahm … Er hasste es einfach! Dabei war er dieses Mal wirklich an einer Sache dran, die er schon lange beobachtete.
Christian zog sich aus und betrat die Dusche im Badezimmer des Erdgeschosses. Mit dem Einschalten der Brause begann für ihn das Wochenende. Er wusch neben seinem Schweiß auch den ganzen Frust seiner Arbeit mit den unzähligen kühlen Strahlen der Regendusche von sich ab.
Seine Frau Jenny war mit Matthias, dem vier Jahre jüngeren Bruder von Lukas, zu ihrer Mutter gefahren. Er würde über das Wochenende dort gut versorgt und zugeschüttet mit zuckerhaltigen Getränken und Süßigkeiten verbringen, wie Jenny diese selbst als Kind nur in Ausnahmefällen konsumieren durfte. Heute Abend wollten sie mit den Kellers zum Weinfest nach Eichwald, einem der größten Feste der umliegenden Dörfer. Eigentlich hatte Christian gar keine Lust auf so viel Trubel. Lieber hätte er die befreundeten Nachbarn zum Grillen eingeladen und wäre dann mit gekühltem Bier im Garten versackt. Aber die Frauen hatten sich mal wieder durchgesetzt und da gab es heute kein Entkommen. Gegen acht würden sie ins 15 Kilometer entfernte Eichwald aufbrechen.

Freitag, 8. August 2003, 23.59 Uhr

Das Fest war trotz Hitze wie jedes Jahr sehr gut besucht und Christians Anspannung der Woche lockerte sich nach dem dritten Bier merklich. Herbert war, wie so oft seit seinem Arbeitsunfall, der Fahrer der Gruppe, da er wegen der Medikamente sowieso keinen Alkohol trinken sollte. Zumindest in der Theorie war das so. Eins ist keins, war sein Spruch beim ersten Bier. Und im Anschluss waren es sicherlich auch noch mindestens zwei weitere, was ihn üblicherweise nicht am Fahren hinderte. Nachdem sie sich von den Kellers in deren Einfahrt der Langgasse 7 verabschiedet hatten, verschwanden Christian und Jenny todmüde, aber mit einer Grundlust auf einen intimen Ausgang des Abends in ihrem Haus.

Jenny machte sich im Bad fertig, während Christian schon bereitwillig im Bett wartete.
»Glaubst du, da läuft noch was bei den beiden?«, fragte Jenny nachdenklich.
»Heute Nacht oder generell?«
»Generell, du Spinner.«
Christian fühlte sich ertappt. Beim Thema Sex in der Ehe war er lediglich in seinen historischen Romanen offen. Dort konnten sich auch schon mal zwei Paare gleichzeitig vergnügen, was er in seinem wahren Leben niemals initiieren würde. Er versuchte, das Thema zu wechseln.
»Schläft Lukas? Warst du bei ihm?«
»Der übernachtet doch heute im Zelt bei den Schmidt-Kindern drüben«, gab sie knapp als Antwort, um dann wieder zurück zu ihrem Vorhaben zu kommen: »Heute Nacht haben wir sturmfrei …«

Samstag, 9. August 2003, 10:15 Uhr

Sie hob den Hörer vom Telefon in der Diele und wählte die 16-76.
»Hallo Veronika. Hier ist Jenny. Kannst du den Lukas rüberschicken, oder schlafen die Kinder etwa noch?«
Christian wollte gerade an ihr vorbei in die Küche, als er bemerkte, wie ihre Mimik sich schlagartig von gelassen und freudig zu erstarrt und entsetzt änderte.
»Mhhh. Ok. Verstehe.«
Pause.
»Das hat er gesagt? Ich habe ihm aber doch erlaubt …«
Pause.
Sie legte den Hörer auf.
»Was ist los?«, musste Christian erst nachfragen. Jenny war nicht imstande, die Informationen von sich aus preiszugeben. Er bemerkte ihre Sorge und war sogleich in Alarmbereitschaft. »Ist was passiert? Jenny!«
Plötzlich rannte sie nach oben, ohne ein Wort zu sagen und stürmte in Lukas‘ Zimmer im ersten Stock. Christian lief hinterher. Er ahnte, dass sein Sohn nicht bei den Schmidts übernachtet hatte. Aber das bedeutete erst mal nichts. Er beobachtete, wie Jenny panisch die Decke von Lukas‘ Bett wegriss, obwohl auch ohne nachzusehen offensichtlich war, dass er nicht dort drin lag. Das Bett war unberührt. Die Decke lag ordentlich aufgefaltet auf dem Kinderbett in der hinteren Ecke des Zimmers. Jenny sah sich hektisch um. Ihr schossen die Tränen in die Augen. Konzentration. Jetzt keine Panik. Ruhig bleiben. Hier verschwindet kein Kind. In Wiltingsweiler ist noch nie ein Kind verschwunden.
Christian versuchte sich zu beherrschen. Er musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren und die Situation schnell klären. Er drehte sich um und rief Jenny im Heruntergehen zu: »Ich rufe noch mal bei den Schmidts an und frage nach, was da genau los war …«
Er telefonierte noch mit Veronika Schmidt, als er bemerkte, dass Jenny bereits alle Zimmer des Hauses abging und unentwegt versuchte, gefasst wirkend den Namen ihres Sohnes zu rufen. Christian erkannte schnell, dass er von Veronika keine nennenswerten Informationen erhalten würde, außer dass Lukas glaubhaft behauptet hatte, dass er laut Anweisung seiner Mutter um Punkt 22 Uhr zu Hause sein solle und heute nicht im Zelt übernachten durfte.
Jenny rannte vor und Christian hinterher. Beide stürmten über die Terrasse in den Garten.
Jenny gefasst, aber flehend: »Lukas? Lukas, bist du da?«
Christian laut und zunehmend besorgt: »Lukas? Lukas?«
Der aufgehende, morgendliche Sonnenball am Himmel ließ lange Schatten der Obstbäume am Ende des Gartens über den Rasen fallen. Die Hitze, die auch dieser Tag mit sich bringen sollte, war schon spürbar. Mit einem kalten Schaudern durchfuhr Christians Körper eine düstere Vorahnung.

Nachdem zuerst die Kellers die panischen Rufe der beiden mitbekamen – Lukas ist verschwunden. Habt ihr Lukas gesehen? – waren auch schnell weitere Nachbarn hellhörig den Suchenden auf den Straßen von Wiltingsweiler gefolgt und hatten sich der immer größer werdende Gruppe angeschlossen. Menschen im Morgenmantel. Der Zeitungsbote. Der Bäcker der örtlichen Bäckerei, der gerade Feierabend machen wollte, während die Mitarbeiter seine Arbeit der Nacht zu Geld machten.
Alle waren sie gemeinschaftlich auf der Suche nach dem grundzuverlässigen Jungen aus der Langgasse. Die Rufe nach seinem Namen hallten wie Sirenen durch den Ort. Doch es gab keine Reaktion. Keine Spur von Lukas. Und die Verzweiflung wuchs.
Nachdem die Polizei informiert und vor Ort war, hatte man die anwesenden bereitwilligen Bürger in Gruppen aufgeteilt, um strukturierter alle Waldstücke und Wiesen zu durchkämmen. Schon gegen Mittag war eine Hundestaffel der Feuerwehr vor Ort und begleitete die Suche. Christian und Jenny wurden gebeten, zu Hause zu warten. Beruhigende Worte der Polizei. Über 90 Prozent der verschwundenen Kinder kommen am ersten Tag unversehrt von allein wieder nach Hause. Christian spürte, dass sein Sohn zu den restlichen gottverdammten zehn Prozent gehören sollte. Er spürte es. Und er fing an zu beten.

Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, erbarme dich unser.
Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt, gib uns deinen Frieden.

Es vergingen Tage. Es vergingen Wochen. Keine Spur von Lukas.
Keine Spuren einer Entführung.
Vorwürfe gegenüber den Schmidts.
Selbsthass.
Vorwürfe gegenüber der Polizei.
Verzweiflung.
Schockstarre im ganzen Ort.

Mittwoch, 29. Oktober 2003, 08.45 Uhr

Bauer Justen war früh dran, an diesem Mittwochmorgen. Er hatte bereits alle Kühe gemolken und den Stall ausgemistet. Für diese Woche stand an, das restliche Heu vom Feld am Hof unter Dach einzulagern. Die gut 700 Kilogramm schweren Heupressballen, die am Feld mit sieben bis acht Lagen Folie eingewickelt lagen, boten genug Futter, um die Milchkühe über Winter bis zur neuen Ernte im Frühjahr zu versorgen. Bauer Justen hatte sich erst vor wenigen Jahren eine neue Wickelfolienmaschine der Marke Orkel zugelegt, die bis zu 40 Heuballen pro Stunde mit Wickelfolie umhüllen konnte. Jetzt war er mit dem großen Traktor und dem Frontaufbau unterwegs, die Futterreserven auf den Hof zu holen. Auf seinen Wiesen in Wiltingsweiler waren noch etwa 20 Stück, die er in der offenen Scheune unterbringen konnte. Die beiden Spitzen, die sogenannten Großballenzinken waren fabrikneu und hoben sich vom restlichen, in die Jahre gekommenen Traktor ab. Wie ein Landstreicher, behangen mit Silberschmuck. Er musste über seinen treffenden Vergleich schmunzeln.
Als er am Feld ankam, stand die Sonne tief über den Gipfeln der umliegenden Weinberge. Eine Reihe von Bäumen warfen einen langen Schatten auf die gemähten Wiesen davor, die im Morgentau wie Glasscherben funkelten — mit dem Nebel im Tal war genau das eine dieser Szenen, für die Bauer Justen seinen Job so liebte. Hier war die Welt noch in Ordnung.
Er stapelte seine Ballen immer gleich: Zwei in der Breite, zwei in der Höhe. Bauer Justen legte diese immer auf der Stirnseite ab, da hier die Verpackung am stärksten war. Um Schimmelbildung durch Kondenswasser zu vermeiden, ließ er zwischen ihnen üblicherweise immer etwas Platz. So sahen die Türme von Weitem aus wie schwarze Pyramiden.
Er fuhr mit seinem Frontlader vor den Berg an Ballen und stach in den ersten oberen, um diesen herauszuziehen und auf den zuvor abgestellten Anhänger zu laden. Als nur noch die letzten neun übrig waren und er den oberen abgehoben hatte, blickte er verwundert auf die Lücke, die die letzten beiden bildeten.
Da steckte doch was im Zwischenraum. Es kam schon mal vor, dass sich Vögel oder andere Tiere dort verirrten. Regelmäßig fand er flüchtende Blindschleichen, die sich zwischen den warmen Ballen in ein sicheres Versteck verkrochen. Aber etwas irritierte ihn an dem Anblick. Es sah fast so aus wie ein…
Das konnte nicht sein. Während er den oberen Ballen ablud, wurde sein diffuses Unbehagen zur blanken Angst, wie er sie noch nie zuvor empfunden hatte. Aus dem veränderten Winkel sah er nicht nur einen Schuh, sondern zwei. Und diese lagen nicht einfach nur einzeln dort rum, sondern gehörten zu zwei dünnen Beinen, die er glaubte, darunter zu erkennen. Panisch fuhr er neben den Rest des Ballenberges und sprang aus seinem Traktor auf den Ersten. Seine Hoffnung auf eine Fehleinschätzung der Situation wurde von überraschend aufkommender Übelkeit zerschlagen. Er übergab sich mit einem kalten Schaudern eines Bildes, das ihn zeitlebens begleiten sollte. Und er wusste sofort, wen er dort tot vorgefunden hatte. Kein Zweifel.
Der verschwundene Junge aus Wiltingsweiler, Lukas Neuberg, wohnte keine zwei Kilometer entfernt von seiner Wiese.
Ihm wurde erneut übel und ohne zu wissen, was er tun sollte, rannte er los. Er rannte in Richtung Dorf quer über seine Wiese auf die nahegelegene Landstraße zu. Das erste vorbeifahrende Auto hielt er entkräftet an und war nur noch imstande, eine Anweisung zu geben: »Polizei, schnell …«, bevor er sich am Straßenrand erneut übergeben musste.

Kaum eine Stunde später stand aufgereiht am Straßenrand eine ganze Armada an Feuerwehr-, Rettungsdienst- und Polizeiautos. Schaulustige wurden von den durchdringenden Sondersignalgeräuschen angezogen wie Schmeißfliegen von einem Misthaufen. Und genau den Stellenwert hatten sie auch bei dem ermittelnden Beamten der örtlichen Polizei. Polizeihauptmeister Heinz Meier verabscheute diese Schaulust, wobei er an diesem Tag nachvollziehen konnte, dass der ganze Ort seit Wochen in einer Schockstarre verharrte und davon ausgehen musste, den spurlos verschwunden Jungen endlich gefunden zu haben. Mit einem guten Ausgang des Verschwindens rechnete in Wiltingsweiler kaum noch jemand. Und Heinz Meier hoffte umso mehr, dass die Eltern des Jungen nicht dazustoßen würden. Nicht hier. Nicht jetzt. Und nicht vor der versammelten effekthascherischen Menge an Menschen, die perfide den letzten Akt dieses Dramas mit einem Höhepunkt der heraneilenden Eltern erwarteten.
»Hallo Wolfgang«, begrüßte Polizeihauptmeister Heinz den Gerichtsmediziner und Leiter der forensischen Abteilung des LKA. Dieser nickte mit einem nüchternen Gesichtsausdruck und ging zielstrebig unter der Absperrung durch in Richtung Fundort des Körpers.
»Wir vermuten, dass es die Leiche des Jungen ist, den wir seit dem 8. August suchen. Kleidung und Beschreibung sprechen eindeutig dafür. Sowas habe ich noch nie gesehen …«, bereitete er den Gerichtsmediziner auf die Situation vor. »Keiner hat bisher etwas angerührt. Der Bauer, der die Leiche gefunden hatte, ist bereits in ärztlicher Behandlung. Da vorne im Rettungswagen.«
Wolfgang schwieg weiter. Er war trotz milder Temperaturen mit einem Wintermantel bekleidet und trug seinen Koffer mit den wichtigsten Gerätschaften und genügend Asservatenbeuteln mit sich. Zielstrebig stellte er seinen Koffer auf der Wiese vor den Ballen ab und zog ein Diktiergerät aus seiner Manteltasche. Außerdem streifte er sich Schuhüberzieher und Latexhandschuhe über. Mithilfe einer Klappleiter, die am äußeren Ballen angelehnt stand, kletterte er nach oben.

»Mittwoch, 29. Oktober 2003, 10:05 Uhr. Auffindeort der Leiche eines Jungen. Zirka 10 bis 15 Jahre alt. Leichnam klemmt kopfüber im Hohlraum zwischen vier Rundballen, die mit schwarzer Folie eingefasst sind. Turnschuhe geschnürt, dunkelblaue Sportshorts, orangefarbenes T-Shirt mit ADIDAS-Aufdruck. Leichnam mumifiziert, durch starke Hitze. Kaum Fäulnis oder Verwesung erkennbar. Auf den ersten Blick keine äußeren Spuren von Gewaltanwendung erkennbar. Eine Hand ist nach unten ausgestreckt, die zweite klemmt seitlich am Körper.«
Er stoppte die Aufnahme. Irgendetwas lag dort unten zwischen den Ballen im dunklen Zwischenraum. Wolfgang hatte eine Vermutung.
»Kann mir jemand meine Taschenlampe aus dem Koffer hochbringen?«, rief er nach unten zu den drei Polizeibeamten, die am Fuße der Leiter standen und auf Anweisungen warteten. Einer der drei kramte hektisch in der Tasche und kam zu ihm nach oben.
»Hier bitte. Haben Sie was entdeckt?«, fragte er neugierig.
Wolfgang nahm die Taschenlampe entgegen, ohne auf die Frage einzugehen. Am Tatort war er hoch konzentriert und versuchte, stets die ersten Eindrücke festzuhalten.
Er leuchtete an der Leiche des Jungen vorbei auf den Boden. Das Licht wurde wie von einem Spiegel reflektiert. Wolfgangs Vermutung bestätigte sich.
Er kletterte die Leiter runter und ging zu seinem Koffer.
»Ich werde jetzt noch Fotos vom Fundort machen.« Er sah zu einem der Beamten auf, den er schon von früheren Einsätzen kannte. »Bitte gehen Sie doch zur Feuerwehr hoch und sagen Sie ihnen, dass sie in 20 Minuten mit dem Bergen der Leiche beginnen können. Wir müssen ihn vorsichtig nach oben wegheben und dann direkt in die Rechtsmedizin bringen. Zwischen den Ballen am Boden liegt ein Fernglas. Das brauche ich bitte unbedingt asserviert. Im Anschluss müssen die Ballen zur Seite geräumt werden und wir sehen, ob wir noch weitere Spuren finden. Das erledigen meine Kollegen von der Spurensicherung, die jeden Moment hier eintreffen müssten …«
Der Beamte machte sich umgehend auf den Weg, um den Anweisungen folgend alles in die Wege zu leiten.
Er war im Begriff, mit dem Fotoapparat die Leiter wieder hinaufzusteigen, als er sich an den zweiten, jüngeren Beamten wandte, den er bisher noch nicht kannte. »Können Sie sich darum kümmern, dass niemand Fotos macht, wenn der Junge geborgen wird? Zur Not müssen hier noch Sichtschutzwände aufgebaut werden.« Auch der zweite Beamte machte sich sichtlich aufgeregt auf den Weg zur Absperrung an der Landstraße.
Nun war Heinz mit Wolfgang allein, was ihm gerade gelegen kam.
»Ich kann natürlich noch nichts mit Sicherheit sagen. Aber ich denke, der Junge ist ohne Fremdverschulden hier gestorben. Sicherlich hat er oben auf den Ballen gesessen und irgendetwas beobachtet. Dann könnte sein Fernglas zwischen die Ballen gefallen sein und er ist beim Versuch das Fernglas zu greifen hier stecken geblieben und konnte sich nicht mehr von allein befreien. Bitte kein Wort zu niemandem über diese Theorie. Aber gab es irgendwelche Anhaltspunkte auf eine Entführung oder ein Verbrechen allgemein?«
Heinz war wie versteinert. Die Theorie von Wolfgang bedeute, dass der Junge nicht mal zwei Kilometer von seinem Wohnhaus entfernt gestorben war.
»Nein, keine Anzeichen, keine Verdächtigen. Aber auch hier in dem Gebiet, natürlich vorwiegend im Wald und bei den Seen hinten, waren einige Hundestaffeln im Einsatz. Die hätten den Jungen doch aufspüren müssen«, gab er verwirrt von sich.
»Nicht unbedingt. Die Leiche ist stark mumifiziert, das heißt, sie ist ausgetrocknet, statt wie üblich zu verwesen. Dabei werden wesentlich weniger Gase ausgestoßen und dann noch die Heuballen an sich … Bei der Hitze im August. Da versagen auch die Hunde. Bitte prüfe mal, ob genau hier eine Hundestaffel war. Ich gehe davon aus, dass er hier zu Tode kam. Die Leichenstarre hatte hier eingesetzt, das ist sicher.«
Heinz wurde kreidebleich. Wie sollte er den Eltern weismachen, dass deren Junge direkt nebenan zu Tode kam? In der Ferne war sogar das Elternhaus zu erkennen. Und plötzlich erstarrte Wolfgang.
Er überlegte einen Moment.
Dann nahm er sein Funkgerät und drückte auf Sprechen.
»Hier Einsatzleitung. Bitte besorgt mir ein Fernglas. Irgendwoher, aber schnell …«
Wolfgang sah ihn verwirrt an. Er merkte, dass Heinz einen Gedanken verfolgte, der von entscheidender Bedeutung für ihn war.
»Es gab da eine Sache. Lass mich das erst überprüfen. Kann ich da oben auf den Ballen? Ich ziehe mir auch die Dinger da über die Schuhe …«
Der jüngere Kollege kam etwa zehn Minuten später mit einem Fernglas über das Feld zum Tatort gelaufen. Heinz war schon oben auf dem höchsten Ballen und spähte Richtung Dorfsiedlung. Die Schilderungen von Christian, dem Vater des Jungen, waren ihm angesichts seiner Überlegungen wieder so präsent, als ob das Verhör gestern gewesen wäre. Christian schilderte damals den Tagesverlauf, bevor sie mit den Nachbarn nach Eichwald zum Weinfest gefahren waren, und was die letzten Gespräche mit Lukas waren.

Heute bin ich an einem neuen Fall dran. Ich bin mit der Klärung eines möglichen Verbrechens beschäftigt, in das Friedrich verwickelt sein könnte. Ich suche noch nach Beweisen …

Heinz nahm das Fernglas in Empfang und richtete den Blick durch selbiges in Richtung der ersten Häuser. Tatsächlich. Man konnte genau in die Scheune von Friedrich sehen.
Schon am Tag nach dem Verschwinden hatte man dessen Wohnhaus samt Scheune durchsucht. Dort waren skurrile Skulpturen aus Metallschrott, alten Rohren und Gegenständen, die er zuvor gesammelt hatte, zu Kunstwerken zusammengeschmiedet worden, von denen niemand bisher Kenntnis gehabt hatte. Einen Anhaltspunkt oder Spuren des Jungen hatte man aber nicht gefunden. Friedrich war nie ernsthaft in Verdacht geraten, obwohl Christian ihn bei der ersten polizeilichen Anhörung beschuldigt hatte.
Nun war Heinz sich sicher: Der Junge hatte den verrückten Eigenbrötler beobachtet. Vielleicht hatte er zuvor einen zufälligen Blick in dessen Scheune geworfen und war neugierig geworden. Von dem Ballenturm am Feld aus hatte er den perfekten Blick in die Werkstatt gehabt.

Ende.


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